Ich bastel mir meinen Ajax-Desktop - MS Live vs. Protopage & co.

Die Aufregung bei Aperto war ja groß, als Windows Live auf der Bildfläche erschien - so einfach konnte man sich also auf einer Website seine RSS-Feeds per Ajax-Drag & Drop zusammenklicken! Meine erste spontane Reaktion: Endlich meinen lästigen Klipfolio RSS-Client in den Papierkorb verschieben. Aber da gab es ja auch noch Protopage, diese andere Ajax-Website, wo man seine ganzen Notizen und Bookmarks in kleine, selbst gestaltbare Boxen ablegen und sich so ein hübsches kleines Inter- und Intranet-Launchpad zusammenbauen konnte. Wunderbar - aber wer von den beiden sollte denn jetzt den Ehrenplatz als meine voreingestellte Browser-Startseite bekommen?
Jetzt ermöglicht Protopage seit kurzem auch, RSS-Feeds einzubinden. Und dann gibt es da auch noch Netvibes, und die personalisierte Startseite von Google, und Goowy, und Zoozio und seit neuestem noch Eskobo … Zeit für einen Produktvergleich? Eigentlich nicht, aber Ajax macht gerade so viel Spaß - es sind einfach Websites, die sich völlig anders und neu anfühlen, und manchmal auch noch richtig Sinn machen.
Windows Live

Windows Live kann auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so viel außer vom Nutzer ausgewählte RSS-Feeds wiedergeben und Hotmail-/Live-Mails empfangen. Ein paar kleine Features, sogenannte “Gadgets”, gibt es auch noch standardmäßig, z.B. eine Wettervorhersage. Das spannende (und auch für Microsoft überraschende) ist aber, diese Gadgets zur Programmierung durch Dritte freigegeben sind - ähnlich wie bei den Firefox-Extensions gibt es unter microsoftgadgets.com jetzt schon Dutzende kleiner Tools von einer wachsenden Bastlergemeinde, die man seiner live.com-Seite hinzufügen kann - oder man baut sich gleich selber eins. Es gibt natürlich Bookmarking- und Notizen-Widgets, aber auch eine Suchmaschine für Linienflüge, verschiedene Taschenrechner (wozu auch immer) und Mini-Games - alles auf AJAX- bzw. DHTML-Basis.

So manches läuft bei Live noch nicht so richtig rund oder sieht etwas krumm und schief aus - ist das Wörtchen “Beta” unter dem Logo schuld oder mein Firefox? Auf jeden Fall ist live.com das Tool mit dem größten Entwicklungs- und Ausbaupotential.

Protopage

Das Einzigartige bei Protopage ist
dagegen die Gestaltungsfreiheit. Panels können von hier nach da geschoben, vergrößert, verkleinert, umgefärbt und sogar mit eigenem HTML zu kleinen Websites-in-der-Website individualisiert werden. Leider ist die Sache aber mit der Ergänzung um RSS-Feeds eher unbequemer als komfortabler geworden - das Handling und das Layout der Feed-Panels finde ich eher gewöhnungsbedürftig. Gut ist allerdings die Idee, dass man gleich eine ganze Serie von persönlichen Seiten anlegen kann: Wer am Tag 30 Blog- und News-Feeds scannt, braucht manchmal schon etwas mehr Platz. Trotzdem: Außer der Gestaltung ist Protopage im Vergleich recht arm an Features.

Google personalisiert

Die personalisierte Startseite von Google (eigentlich eher ein Konzepter-Arbeitstitel als ein ordentlicher Feature-Name …) punktet dagegen mit der Personalisierung der anderen Services aus dem eigenen Haus: Gmail kann auf der persönlichen Seite abgefragt werden, ebenso Suchwort-gesteuerte Google News und die persönliche Search History, bei der sich Google meine Suchabfragen und geklickten Ergebnisse merkt. Ich kann diese Suchergebnisse als Bookmarks auszeichnen und diese mit Labels verwalten. Das ganze unterhalb der üblichen Google-Sucheingabe-Maske, also eigentlich die perfekte Browser-Startseite. Wenn bloß die Feedreader-Funktion nicht so lausig wäre - zum Beispiel kann ich nur die RSS-Headlines sehen und muss zum Weiterlesen immer die entsprechende Website aufrufen.

Netvibes

Im Moment heißt mein Liebling Netvibes. Das Design ist eher langweilig, aber klar und gut erfassbar. Vor allem aber fühlt sich die Bedienung viel besser als Protopage an, und die Features stimmen einfach. Netvibes kann auch Gmail-Accounts lesen, aber ebenso Writely-Dokumenten-Updates und Flickr-Updates, und man kann seine Bookmarks im Paket hochladen und taggen und seine Feeds als OPML File importieren. Das Beste ist, wie irre bequem man seine RSS-Feeds lesen und im Blick behalten kann. Schade nur, dass man bei der Feature-Weiterentwicklung anders als bei Live allein auf die Netvibes-Macher selbst angewiesen ist. Der Newcomer Eskobo haut mich dagegen nicht so recht aus den Socken - er ist ziemlich offensichtlich von Netvibes geklaut, kann noch kein Firefox, dafür aber Türkisch und - na super - Google Ads. Muss nicht.

Ach, und Goowy ist offenbar sowas ähnliches in Flash. Muss ich mir auch mal ansehen.

Vor allem gibt es da auch noch ein paar Sachen, die bisher keiner der Ajax-Desktop-Anbieter drauf hat, zum Beispiel die Bookmarks von de.licio.us einbinden (statt nochmal selber taggen wie bei Netvibes, das ist echt Arbeit!), oder Feeds in Kategorien gruppieren, oder seine ganzen Einstellungen mit anderen Nutzern teilen, oder beliebige POP3/SMTP-Konten abrufen, oder oder … Aber Perpetual Beta heißt ja so viel wie: Irgendwie ist immer bald wieder Feature-Weihnachten.

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Rupert Platz | E-Mail an Autor | 7. Dezember 2005

10 Kommentare zu „Ich bastel mir meinen Ajax-Desktop - MS Live vs. Protopage & co.“

  1. Netvibes und Co. können aber doch kein Ersatz für Bloglines sein, oder? Vielleicht übertreibe ich ein wenig mit meinen 145 Feeds (ich überfliege ja nur), aber da käme auf einer “persönlichen Startseite” doch einiges zusammen.

  2. Rupert sagt:

    Ich habe auch das Problem, dass ich schon zu viele Feeds auf dem Zettel habe, allerdings kann man Ajax-Feeddarstellungen meistens “collapsen” lassen und öffnet dann nur die, die neue Inhalte geliefert haben … Naja, bei 145 Stück bringt das auch nicht viel;-)
    Bloglines habe ich selber noch nicht ausprobiert, und mangels Drag&Drop- Ajax-Desktop–Schnickschnack fällt das hier auch eher aus der Kategorie, ebenso wie zahlreiche andere HTML- oder Client-Aggregatoren. Scheint aber tatsächlich für Leute mit eigenem Blog und starker Blogosphäre-Vernetzung einiges mehr zu bieten.

  3. markus sagt:

    schöne zusammenfassung!ich finde den feedreader von live sehr schön gelöst. den google reader ist natürlich noch etwas cooler, klar.
    aber ich hab auch les so viel feeds, dass sich bloglines schonmal gelohnt hätte (mir reicht das live-bookmark genannte feature von firefox 1.5)

    ps: ich finde die rechenaufgabe beim kommentieren fast zu schwer. ich muss das immer in google reinkopieren :)

  4. Rupert sagt:

    Inzwischen scheint der Markt für Browser-Dektops weiter zu explodieren: Homeportals, Pageflakes, Pobb, Itsastart und kein Ende. Favoor und MyWebDesktop gibts dann offenbar auch noch. Wenn sich das Thema mal etwas beruhigt hat, schaue ich mich nochmal um. Netvibes bietet jetzt übrigens auch noch ToDo-Lists und kann Pop3/IMAP-Headlines abrufen, da bleib ich erst mal.

  5. by q-bee sagt:

    Netvibes ist echt klasse.
    Kann jetzt übrigens auch del.icio.us bookmarks verwalten. und zwar in beide richtungen, quasi. sehr schön.

  6. Mülli sagt:

    Gibt es eigentlich auch Anwendungen, die man auf seinem eigenen Web-Space installieren kann? Mir gefällt an den Lösungen nicht, dass meine ganzen Daten dann bei einem mir unbekannten Anbieter landen und ich außerdem keine Möglichkeit habe, das Design an meinen Geschmack anzupassen. Ich will ja gra nicht wissen, von wieviel GMail-Accounts so die Anbieter die kompletten Zugangsdaten besitzen…

  7. Uwe Keim sagt:

    Also ich fand das schon immer merkwürdig, daß jemand interesse daran hat die Bereiche auf einer Website selbst via Ziehen-und-Ablagen anzupassen. Habe ich keinen Kopf für.

    Die einzig Sinnvolle Ajax-Anwendung ist für mich immer noch Outlook-Web-Access, weil da merke ich kaum, daß es Web ist, und so soll es sein. Ajax ist dort kein Selbstzweck wie sonst oft.

  8. David sagt:

    @Mülli: Klar. Bei Netvibes heißt das "Mini API Modul". Echt eine tolle Sache, damit kann man sich nach Wunsch Module maßschneidern.

  9. Gerhard sagt:

    Netvibes finde ich zur Zeit auch am besten, die funktionalität passt. Aber durch die offenen Gadgets wird Windows Live warscheinlich aufholen

  10. Frank Storz sagt:

    Guter beitrag. Glaube für manche ist Ajax genau das richtige für mich auf keinen Fall.