Einfach-teilhaben.de im Usability-Test mit Menschen mit Behinderungen

usability-test

Ob eine Website nicht bloß theoretisch barrierefrei, sondern auch für Menschen mit und ohne Behinderungen leicht benutzbar ist, zeigt sich nur in ihrem Gebrauch. Wir haben “einfach teilhaben”, das Informationsportal für Menschen mit Behinderungen, intensiv mit 22 Testpersonen getestet. Nachfolgend die 18 interessantesten Ergebnisse, die nicht nur für das Portal “einfach teilhaben”, sondern auch für die Gestaltung anderer Websites relevant sind.

Untersuchungsaufbau

  • Qualitative Untersuchung
  • Aufgabenbasierter Usability-Test, Fragebogen und Video-Aufnahmen kombiniert mit der Thinking-aloud-Methode (die Testpersonen sprechen während sie surfen ihre Gedanken und Eindrücke laut aus)
  • Teilnehmende Beobachtung
  • Untersuchungszeitraum: September – Dezember 2009
  • Website: einfach-teilhaben.de
  • Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • Testdesign und Testleitung: Jessica Glaue (Konzepterin, Aperto AG) & Timo Wirth (Teamleiter Frontend, Aperto AG)

22 Testpersonen

  • 7 Personen mit Behinderungen, die sie bei der Nutzung des Internets nicht oder kaum einschränken (z.B. Querschnittslähmung)
  • 1 Person nicht behindert (Gruppenleiter in einer Behindertenwerkstatt)
  • 2 gehörlose Personen
  • 3 blinde Personen
  • 3 stark sehbehinderte Personen
  • 4 Tersonen mit starken motorischen Einschränkungen
  • 2 Testpersonen mit Lese- und Rechtschreibschwäche oder Lernbehinderung
  • Alter: 21 – 56 Jahre
  • 12 Männer
  • 9 Frauen

1. Menschen mit Behinderungen surfen überdurchschnittlich häufig im Internet.

Damit bestätigten sich die Ergebnisse der Biene-Befragung.

Alle Testpersonen beantworten die Frage “Wie viele Stunden in der Woche sind Sie im Internet?” mit “mehr als 20 Stunden”. Laut der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie surft der durchschnittliche Bürger in Deutschland knapp 10 Stunden im Internet.

“Eigentlich bin ich immer im Internet, wenn ich nicht arbeite.”

Unter den Teilnehmern der Untersuchung waren Menschen, die oftmals trotz ihrer Behinderung voll im Arbeitsleben stehen, wie der blinde Radiomoderator, der taubstumme EDV-Mitarbeiter, der erblindete Beamte im Justizministerium oder die von Geburt an blinde Versicherungsangestellte, für die das Internet zum Arbeitsalltag gehört.

Für andere Teilnehmer, die aufgrund ihres Behinderungsgrades nicht mehr am Arbeitsleben teilnehmen können, wie die Psychologin mit Locked-in-Syndrom oder die Frau, die an Spastiken leidet und ihren Computer per Augen und Kamera bedient, dient das Internet dazu, sich mit Freunden auszutauschen oder einfach nur zur Unterhaltung und Ablenkung.

“Meine Lieblings-Website ist YouTube”

“Ich bin bei Jappy – oft die ganze Nacht”

Auf die Fragen “Was machen Sie am häufigsten im Internet, auf welchen Seiten surfen Sie?” wurde am häufigsten E-Mails schreiben, chatten mit dem MSN-Messenger, Filme gucken auf YouTube und aufhalten in der Internet-Community Jappy als Antwort genannt.

Große Skepsis besteht gegenüber Online-Banking und Online-Shopping. Hier befürchteten viele Nutzer, etwas falsch zu machen.

“Bei Bestellungen lass ich mir immer von sehenden Freunden helfen, damit mir nichts entgeht oder ich das Kleingedruckte überlese.”

- blinde Testperson

2. Eine gute Struktur und klare Überschriften sind die Grundbedingung für eine komfortable Nutzung.

Dies gilt sowohl für das Design als auch für den Code.

Startseite Einfach teilhaben

“Nicht zu viel, übersichtlich, strukturiert und einheitlich.”

“Eine Website die klar in mehrere Abschnitte eingeteilt ist.”

“Die Überschriftenstruktur ist logisch.”

- Blinde Testperson

3. Zwei Formularfelder mit unterschiedlichem Zweck sollten nicht in unmittelbarer Nähe stehen – auch wenn sie klar beschriftet sind.

“Ich dachte, das wäre eine Gesamtsuche.”

Zwei Suchfelder in unmittelbarer Nähe

Eine website-übergreifende Suche oben im Kopf und eine spezielle Suche für Ärzte in der Randspalte darunter sorgten für Zuordnungs- und Zuständigkeitsprobleme. Durch die beiden konkurrierenden Suchfelder treten, auch wenn beide klar beschriftet sind, folgende Effekte auf:

  • Einige Nutzer übersehen die Suche im Kopf, weil die andere Suche für sie prominenter wirkt, da sie näher an den Hauptinhalten platziert und somit schneller in ihrem Blickfeld ist.
  • Umgekehrter Effekt: Nutzer nehmen nur die Suche im Kopf wahr, weil sie diese dort erwarten und übersehen die spezielle Ärztesuche in der Randspalte. Suchanfragen in der globalen Suche im Kopf nach Ärzten in ihrer Nähe brachten keine Ergebnisse.

4. Videos anschauen fällt vielen Menschen leichter als Texte lesen.

“Ich lese sowieso nicht gerne lange Texte.”

Das hat nichts mit Kulturverfall zu tun, sondern mit der Einfachheit der Bedienung und der anschaulichen Art der Wissensvermittlung. Auf einen Play-Button zu klicken ist einfach. Ein Video, das mit gesprochener Sprache, mit Bildern und filmischen Sequenzen arbeitet, kann komplexe Sachverhalte meist anschaulicher, schneller und spannender vermitteln als reiner Text. Vor allem, wenn die Nutzer teilweise Lese- und Sehschwächen oder Lesen nicht zur ihrem alltäglichen Mediennutzungsverhalten zählt.

5. Beschriftungen sind wichtig und sollten gut getextet sein.

Beschriftungen und Erläuterungen sollten klar und eindeutig sein und keine neue Fragen aufwerfen oder gar Fehler produzieren, wenn Nutzer sie befolgen.

Button: "Daten Senden"

So löste das harmlose Wort “senden” auf einem Abschicken-Button im Lebenskontext einiger Nutzer Unbehagen aus und führte dazu, dass die Suchfunktion nicht benutzt wird.

“Bei Senden bin ich immer vorsichtig, dass Informationen versendet und
irgendwo gespeichert werden oder falsch ankommen. Suchen will ich!”

suche-hilfe-text

Oder Eingabebeispiele bei einer Suche, wie “Geben Sie hier z.B. die folgenden Angaben ein: Diagnose / PLZ / Ort / Name” sollten wie bei “einfach teilhaben” zu Suchergebnissen führen, wenn die Nutzer die Erklärung wortwörtlich nehmen und die Schrägstriche als Trenner verwenden und diese in das Suchfeld tippen.

6. Artikel sollten leicht scannbar sein.

Vorspänne, Zwischenüberschriften, Bilder, Listen und Inhaltsverzeichnisse machen aus Fließtexten gut strukturierte Informationen. Die Nutzer können die Inhalte schneller erfassen und steigen tiefer in den Text ein. Sie bestimmen welche Textabschnitte für sie relevant sind.

“Den Artikel find ich richtig gut: kurz, knapp, klar! – mit Einleitung und kompakter Liste”

Im Internet, dies zeigen zahlreiche Lesbarkeitsuntersuchungen, werden Texte viel stärker überflogen und punktuell gelesen. Ein gut gestalteter Text sollte die Leser nicht zwingen den Text von Anfang bis zum Ende zu lesen, vielmehr sollte er den Lesern die Möglichkeit geben den Text zu überfliegen und auch bei partiellem Lesen einen hohen Informationswert zu vermitteln.

Gutes Textdesign hilft allen Nutzern: Das Lesen fällt subjektiv leichter und die Nutzer können schneller entscheiden, ob die Informationen für sie relevant sind oder nicht. Menschen mit geringem Textverständnis oder einer Leseschwäche wird so der Texteinstieg überhaupt erst ermöglicht.

7. Übersichtsseiten zu neuen Themengebieten sollten so gestaltet sein, dass sie die Nutzer beim Weiternavigieren unterstützen.

Der Zweck von Übersichtsseiten ist: Anteasern, Inhalte nach vorne bringen und vor allem Angebote zum Weiterlesen zu machen.

“Man liest und guckt zuerst im Text.”

- Testperson mit Sehschwächen

Übersichtsseite Einfach teilhaben

Wenn die Navigationsmöglichkeiten auf Unterebenen im Navigationsmenü reduziert sind und im Inhaltsbereich nur ein Einleitungstext steht, wurden im Test die Navigationsmöglichkeiten in der linken Navigationsspalte oftmals übersehen. Nutzer beurteilten die Inhalte und die Inhaltstiefe als nicht ausreichend.

8. Der Back-Button ist das wichtigste Navigationsinstrument.

Fast alle Nutzer nutzten sehr extensiv den Back-Button des Browsers, um zur Startseite oder zur zuvor besuchten Seiten zu gelangen. Der Navigationspfad (Breadcrumb) wurde zwar oftmals erkannt, aber selten genutzt. Auf den Back-Button können sich Nutzer 100% verlassen.

Empfehlung:

  • Links sollten nicht in einem neuen Fenster geöffnet werden, da der Back-Button dann nicht mehr funktioniert.
  • Bei dynamischen Inhalten sollte die URL erweitert werden, damit Nutzer zum Urzustand oder zum Vorstadium der Seite über den Back-Button gelangen können.

9. Jaws 10 ist nicht der Standard.

Jaws

Jaws ist zwar der weitverbreiteste Screenreader, aber die aktuelle Jaws-Version 10 (mit Wai-Aria- und Landmark-Unterstützung) ist nicht der allgemeine Standard – ganz im Gegenteil. Ein Jaws-Update ist teuer und viele blinde Menschen vertrauen auf das, was funktioniert und aktualisieren ihren Screenreader nicht, wie uns eine Testperson berichtete, die selbst Jaws 8 verwendet. Sie selbst kenne viele, die noch Jaws 4 verwenden. Auch die Arbeitgeber würden meist nicht noch einmal über 1000 Euro in eine neue Version investieren, wenn vor Jahren bereits Jaws angeschafft wurde.

Folge: Ein einseitiger, alleiniger Einsatz von Wai-Aria zur Verbesserung der Barrierefreiheit, kann in vielen Fällen Barrieren aufbauen.

10. Den blinden Nutzer gibt es nicht.

Braille-Zeile

Wir hatten drei blinde Nutzer im Test. Ihr Verhalten zur inhaltlichen Erschließung der Website und ihre Nutzung der Screenreader-Funktionen waren völlig unterschiedlich. Typische, verallgemeinerbare Nutzungsmuster von blinden Nutzern gibt es kaum.

  • Die lineare Scannerin: Bewegte sich ausschließlich mit der Pfeil-nach-unten-Taste, war damit rasant schnell und hatte sehr schnell eine Vorstellung über den Aufbau der Website
  • Der Analytiker: Kannte alle Funktionen seines Screenreaders, surfte hochgradig analytisch und hatte hohe Ansprüche an die HTML-Struktur.
  • Der Pragmatische: Nutzte zunächst die alle-Links-anzeigen-Funktion in Jaws, um sich einen Überblick zu verschaffen und setzte aufgabenspezifisch verschiedene Techniken, wie Surfen mit Pfeil- (Vor zum nächsten Element) und Tabtaste (zum nächsten Link oder Formularfeld springen) sowie Strg-F (auf der aktuellen Seite nach Begriffen suchen), ein.

11. Wichtige Informationen mehrspaltig aufzubereiten kann zu Informationsdefiziten führen.

Mehrspaltige Infotabelle

Mehrspaltige Infotabelle gezoomt

Was bei normaler Ansicht übersichtlich ist, kann bei starker Zoomstufe unsichtbar sein.

12. Gebärdensprachvideos sind überdurchschnittlich nützlich

Gebärdensprache Dolmetscher

Gebärdensprache-Avatar

Viele gehörlose Menschen haben Probleme beim Verständnis von Texten. Auch wenn sie lesen können, fällt es ihnen schwer, den Inhalt gut zu verstehen. Ein Gebärdensprachvideo auch in schlechterer Qualität oder auch der, an manchen Stellen bei “Einfach teilhaben” eingesetzte Gebärdenavatar, der aufgrund von Limitationen in Grafik und Wortschatz schlechter als ein menschlicher Dolmetscher gebärdet, wurde immer als Erleichterung empfunden. Der größtmögliche Informationsgehalt wird vermittelt, wenn das Gebärdensprachvideo mit einer Inhaltsangabe in leichter Sprache ergänzt wird.

13. Das erste Formularfeld sollte das Suchfeld sein.

Die Suche ist für viele Nutzer ein zentrales Navigationsinstrument. Suchen spart Zeit und Mühe. Das gilt umso mehr, wenn die Nutzer blind sind. Für sie ist es um ein Vielfaches anstrengender und zeitaufwendiger sich durch Inhalte und Navigationsmenüs zu bewegen. Die Suche sollte nicht gesucht werden müssen. Wenn die Suche das erste Formularfeld ist, können blinde Nutzer mit der Tastenkombination Strg + einfg + Pos1 sofort hineinspringen.

14. Der Fenstertitel hat für blinde Menschen eine zentrale Funktion und sollte die spezifische, neue Information zuerst nennen.

Auf welcher Seite bin ich? Hat alles funktioniert? Ist ein Fehler aufgetreten? Wie viele Suchergebnisse wurden gefunden? Blinde Menschen bekommen immer zuerst den Fenstertitel der aktuellen Seite vorgelesen. Deshalb sollten dort sofort die wichtigen Fragen beantwortet werden.

Wenn diese Fragen nicht im Fenstertitel beantwortet werden, bedeutet dies für blinde Nutzer, dass sie sich diese Antworten irgendwo mühsam und zeitaufwändig aus dem Inhaltsbereich der Seite heraussuchen müssen.

15. Eine Type-ahead-/ Vorschlags-Suche erleichtert das Suchen immens.

mundsteuerung

Lochtastatur

Für Menschen mit motorischen Einschränkungen ist Tippen eine anstrengende Tätigkeit. Tippen bedeutete für motorisch eingeschränkte Nutzer im Test: Mit einem Stift im Mund eine Tastatur zu bedienen, mit steifen Fingern in eine Spezial-Loch-Tastatur zu greifen oder mit den Augen per Videokamera eine on-Screen-Tastatur zu bedienen.

Jede Verkürzung dieser Tätigkeit durch Suchvorschläge, erleichtert die Bedienbarkeit immens.

16. Eine Tagcloud versteht jeder.

“Was am stärksten geschrieben ist, wurde am häufigsten gesucht.”

Tagcloud

Tagclouds mögen in oder auch schon wieder out sein, verstanden wurden sie von allen Testpersonen sehr gut, auch trotz Sehbehinderung und der Anmerkung “sieht unordentlich aus”. Die unterschiedliche Größe wurde sofort mit der Wichtigkeit in Zusammenhang gebracht. Auch für blinde Menschen kann eine Tagcloud zugänglich und verstehbar gemacht werden.

Betrachtet man das Markup, so fällt auf: Auf der Website einfach-teilhaben.de wurde eine ausführliche Variante gewählt. Die Listeneinträge wurden mit Informationen ergänzt, die optisch ausgeblendet, aber von Screenreadern vorgelesen werden.

<div class="tagcloud">
<p class="aural">Nutzungshinweis: 1 = höchste Priorität, 5 =
niedrigste Priorität</p>
<ul>
<li>
<a class="prio2" href="#"> barrierefreies Reisen <span class="aural">
(Priorität 2 von 5) </span></a>
</li>

17. Barrierefreie Farbkontraste werden teilweise subjektiv als nicht barrierefrei wahrgenommen.

Linkfarbe orange

Tool zur Messung des Farbkontrasts

Die orangefarbene Linkkennzeichnung, die laut Kontrastchecker vorschriftsmäßig nach den Kriterien des WCAG2 AA barrierefrei ist, wurde von vielen Testpersonen als zu hell bemängelt.

“Linkfarbe könnte kontrastreicher sein.”

“Ich kann es lesen, aber es strengt an.”

“Die gelben Links sind nicht gut zu sehen. Die flimmern.”

Auf Tools verlassen reicht nicht aus. Die User Experience, ist das, was für den Nutzer zählt.

18. Barrierefreiheit ist nicht Theorie oder Technik. Barrierefreiheit ist Benutzerfreundlichkeit und zeigt sich vollständig nur im Gebrauch.

“Even sites that are theoretically accessible often have low usability for people with disabilities.”

- Jakob Nielsen, Beyond Alt Text

Eine Website kann technisch und theoretisch barrierefrei, aber praktisch unbenutzbar sein. Jeder Test mit behinderten Menschen lohnt sich.

Vielen Dank an das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Projektgruppe “eGovernment-Strategie Teilhabe”, die es ermöglichte, die Untersuchung durchzuführen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

“Einfach teilhaben” wird herausgegeben von der Projektgruppe “eGovernment-Strategie Teilhabe” des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.
Projektrealisierung: Materna,
Design & Frontend-Programmierung: Aperto AG

Testdesign und Testleitung: Jessica Glaue (Konzepterin, Aperto AG) & Timo Wirth (Teamleiter Frontend, Aperto AG)